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BESTANDSAUFNAHME - D

Der große Ausstellungssaal ist durch eine Glaswand vom Besucher abgeschlossen. Dahinter liegen sorgfältig angeordnete Gegenstände, die man mit dem alltäglichen und aktiven Leben in Verbindung bringt: Uns auch in der heutigen Zeit vertraute Gegenstände und unbekannte, deren Bestimmung auf den ersten Blick nur noch schwer zu erkennen ist. Nahe stehende und vertraute Gegenstände, weil viele von ihnen in heimischen Anrichten ihren Ehrenplatz finden. Es kommt auch vor, dass sie in Antiquitätenläden und auf Auktionen ihren Preis erreichen. Es lassen sich auch solche entdecken, die eher an Flohmärkte denken lassen: alte Bügeleisen, Petroleumlampen, Kerzenständer und Leuchter, Geschirr aus Zinn und alte Musikinstrumente. Doch auch typische Museumsstücke, die unwiderruflich das Mal der Zeit tragen, haben hier ihren Platz gefunden. Sie entfernen sich vom Betrachter durch das Historische, das sie zeitlich repräsentieren. Teller, Schüsseln, Besteck, Bügeleisen, Zunfttruhen, Werkzeuge, Gemälde, Bilderrahmen. Porzellanfiguren, Grabsteinteile, Skulpturen dies sind nur wenige der 335 Exponate. Man hat das Bedürfnis, sie zu berühren das Bedürfnis, zumindest eine der in sich wunderschönen Obstschalen aus Meißener Porzellan zu berühren. Und auch die Objekte, die den Betrachter am stärksten berühren, die ganz hinten stehen, als ob sie den Festzug der Dinge und Gegenstände beschließen würden: Die Madonna. Die Madonna mit Kind, die Heilige Katharina, der kummervolle Christus, eine Pieta, die Heiligen, Putten sie wirken wie in eine Masse herbeiströmender Menschen verwandelt. Oder wie Geister. Ein paar Dutzend Skulpturen mittelalterliche bis barocke schauen den Betrachter sanft an. Anderen Gesichtern entringt sich ein stummer Schrei. Verlorene Arme. Einige haben schon längst ihre Polychromie eingebüßt. Es sieht so aus, als ob sie in einem bedächtigen Marsch schreiten, andere drehen sich in einem wilden Tanz. Sie stehen in dichten Reihen beieinander. Sie stehen für die, die diese Gegenstände vor langer Zeit zurückgelassen und doch ihre Spuren auf ihnen hinterlassen haben.Es scheint, dass die Ausstellung nicht zufällig einen zweisprachigen Titel Inwentaryzacja - Bestandsaufnahme trägt. Einen Einfluss darauf hat sicherlich die Tatsache, dass ihr Autor Roland Schefferski ein aus Polen stammender Künstler ist, vor allem aber ein Berliner Künstler, der mit dem gleichen Erfolg sowohl in der deutschen Hauptstadt als auch in anderen Teilen der Welt und auch in Polen ausstellt. Doch einleuchtender mag die eigentliche Idee der Ausstellung diese Zweisprachigkeit erklären: Inwentaryzacja Bestandsaufnahme knüpft an die uns so präsente Geschichte an und öffnet sich für den Diskurs zum Thema Gedächtnis, möchte zumindest den Weg dorthin weisen. Gleichzeitig ist es offensichtlich, dass die Ausstellung sich im Kontext der aktuellen Diskussionen von Intellektuellen, Philosophen und Historikern über das Aufkommen der Zeit des Gedächtnisses bewegt. Der historische Kontext in seinem weitesten Sinne ist Schefferski, der seit vielen Jahren sein künstlerisches Interesse in diese Richtung lenkt, ganz und gar nicht fremd. Derartigen Charakter hatten seine Ausstellungen in Berlin 1998, in Regensburg im Jahre 2000 und zuletzt in Lodz 2003. Durch all seine auch hier nicht erwähnten Ausstellungen zieht sich die Frage nach der Geschichte. Nicht nur Geschichte, die man aus Lehrbüchern oder Lexika kennt, sondern nach solcher, die sich im Individuellen ausdrückt, in dem was im riesigen historischen Geschehen anonym bleibt, sowohl im wörtlichen als auch übertragenem Sinne. Die Bestandsaufnahme reiht sich auch in diese Denkströmung ein: Obwohl das, was historisch ist, hier verkörpert wird durch das Allgemeine und oft Anonyme durch einen alltäglichen Gegenstand. Einen Gegenstand der das aktive, gewöhnliche, berufliche und familiäre Leben symbolisiert. Charakteristisch für Schefferski ist jedoch, dass er häufig zur gemeinsamen deutschen und polnischen Geschichte greift. In diesem Kontext ist auch seine Ausstellung zu verstehen, die sowohl Migration als auch Vergänglichkeit thematisiert.Bemerkenswert ist, dass die Ausstellung zu einer Zeit eröffnet wurde, als in der Öffentlichkeit die Diskussion um die Idee der Errichtung eines Vertriebenenzentrums in Berlin besonders lebhaft war. Ich weiß nicht, welche Art von Andenken in einem solchen Museum ihren Platz finden. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies Spuren sowohl materieller Kultur sein müssten als auch Dokumente und Andenken, die konkrete Personen betreffen. Es ist nicht schwer, das Offensichtliche dabei wahrzunehmen so wie es die Gegner eines Vertriebenenzentrums tun dass solche Museen an unzähligen Orten entstehen könnten, die Geschichte und Schicksale umgesiedelter Bevölkerung schreibt. In Zielona Góra (Grünberg), in den wieder gewonnenen Gebieten ist dieses Thema ebenso aktuell und lebendig wie in Berlin oder Wrocław (Breslau). Und wenn selbst der Künstler an dieses Thema anknüpft, kann man der Problematik nicht entfliehen. Dies hat auch die Diskussionsrunde bestätigt, die sowohl aus polnischen als auch deutschen geladenen Gästen bestand: Aus Wissenschaftlern, Künstlern, Kulturmanagern, Museologen, Philosophen und Historikern. Die von Roland Schefferski initiierte Diskussion konzentrierte sich auf zwei Probleme: Auf die Geschichte, die uns am nächsten ist und auf die Frage des Kulturerbes und die Rolle der Kunst in diesem Diskurs. Eine ähnliche Rolle spielten die Fragebögen, die vom Künstler als integrales Element seines Projekts vorbereitetet wurden. Die Besucher der Ausstellung wurden gebeten, diese Bögen auszufüllen, in denen Fragen zur vermuteten Herkunft der ausgestellten Objekte gestellt wurden, zum Kulturerbe, aber auch zwischen den Zeilen , Fragen zur Art und Weise des Gedenkens, das wir den uns vorangegangenen Generationen schuldig sind. >> (2/5)

EINE BESTANDSAUFNAHMEWIEDERGEWONNENER DINGE

Das Lebuser Landesmuseum im polnischen Zielona Gora, im Herbst 2003: Der große Ausstellungssaal ist durch eine Glaswand vom Besucher abgeschlossen. Dahinter liegen, von Roland Schefferski sorgfältig angeordnet, Gegenstände, die man mit dem alltäglichen und aktiven Leben in Verbindung bringt. Darunter finden sich uns auch in der heutigen Zeit vertraute Gegenstände und unbekannte, deren Bestimmung auf den ersten Blick nur noch schwer zu erkennen ist.

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